Wissenswertes zum Thema Krankenkassen

Schuld am Prämienschock? Krankenkassenwechsel sind nicht der Haupttreiber

Geschrieben von Isabel Jakob | Sep 9, 2026, 6:11:45 AM

Prämien & Kosten · Erklärt

Immer wieder liest man, zu viele Versichertenwechsel würden die Krankenkassen destabilisieren und die Prämien in die Höhe treiben. Ein Blick in die Zahlen zeichnet ein anderes Bild.

7 Min. Lesezeit Aktualisiert August 2026

Jeden Herbst dasselbe Ritual: Die neuen Krankenkassenprämien werden bekannt gegeben, die Kommentarspalten füllen sich – und mittendrin taucht zuverlässig eine These auf, die auf den ersten Blick plausibel klingt. Wechseln zu viele Menschen ihre Krankenkasse, verlieren die Versicherer angeblich die Kalkulierbarkeit, das Preisgefüge gerät ins Rutschen und am Ende zahlen alle drauf.

Klingt schlüssig. Einen belastbaren Nachweis dafür, dass häufige Kassenwechsel die allgemeine Prämienentwicklung antreiben, liefern die verfügbaren Daten jedoch nicht. Vielmehr zeigen Befragungen: Steigende Prämien sind selbst ein wichtiger Grund dafür, dass Versicherte einen Wechsel in Betracht ziehen.

 

Die kurze Antwort

Nein. Eine hohe Wechselquote ist kein belegter Haupttreiber der Krankenkassenprämien.

Die Prämien werden für das kommende Jahr kalkuliert und richten sich in erster Linie nach den erwarteten Kosten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) – insbesondere nach den erwarteten Leistungskosten. Daneben spielen unter anderem Risikoausgleich, Verwaltungskosten und die finanzielle Situation des Versicherers eine Rolle.

Und noch etwas ist entscheidend: Auch mögliche Wechsel von Versicherten werden bei der Prämienkalkulation berücksichtigt. Versicherer planen also nicht unter der Annahme, dass ihr Versichertenbestand unverändert bleibt. Veränderungen des Bestands gehören zum System und müssen bei der Berechnung der Prämien mitgedacht werden.

Ein Wechsel kann für die einzelne versicherte Person erhebliche Einsparungen bringen und ist gleichzeitig ein wichtiger Bestandteil des Wettbewerbs zwischen den Krankenkassen.

Prämien schwanken deutlich stärker als das Wechselverhalten

Durchschnittlicher Prämienanstieg vs. geschätzte Wechselquote, 2024–2026

0% 2% 4% 6% 8% 10% 8,7% 9% 2024 6,0% ~9% 2025 4,4% ~8% 2026
Prämienanstieg (offiziell, BAG) Wechselquote (Schätzung, Comparis / Deloitte)

Die Prämienanstiege sind offizielle BAG-Werte. Die Wechselquote ist über alle drei Jahre als «unter 10 Prozent» beziffert; 2026 wird sie von Comparis auf 8 Prozent, von Deloitte auf 7–10 Prozent geschätzt – hier als Richtwerte dargestellt. Quellen: BAG, Comparis, Deloitte.

KausalitätWarum Krankenkassenwechsel nicht als Prämienschock-Treiber belegt sind

Das Schweizer Krankenversicherungssystem ist als regulierter Wettbewerb ausgestaltet. Der gesetzlich definierte Leistungsumfang der Grundversicherung ist bei allen Versicherern gleich. Unterschiede bestehen jedoch unter anderem bei der Prämie, beim Versicherungsmodell, bei der Franchise, beim Service und – bei alternativen Modellen – beim vorgeschriebenen ersten Zugang zum Gesundheitssystem.
Die Möglichkeit, den Versicherer zu wechseln, gehört deshalb zum Wettbewerb. Sie sorgt dafür, dass Preisunterschiede für Versicherte tatsächlich relevant werden und erhöht den Wettbewerbsdruck auf die Krankenkassen.

Wichtig dabei: Ein Versichererwechsel ist für die Prämienplanung kein völlig unerwartetes Ereignis. Mögliche Wechsel von Versicherten gehören zu den Faktoren, welche die Versicherer bei der Berechnung ihrer zukünftigen Prämien berücksichtigen müssen.

Das bedeutet nicht, dass Wechsel keinerlei Aufwand oder finanzielle Auswirkungen verursachen. Es widerspricht aber der Vorstellung, eine hohe Wechselaktivität bringe die Prämienkalkulation grundsätzlich aus dem Gleichgewicht.
Auch die Deloitte-Gesundheitsstudien liefern einen Hinweis auf die Richtung des Zusammenhangs, aber keinen Kausalitätsbeweis: Steigende Prämien gehören zu den Gründen, weshalb Versicherte einen Wechsel prüfen.



Hohe Prämien erhöhen das Wechselinteresse – Krankenkassenwechsel sind aber kein belegter Haupttreiber der allgemeinen Prämienentwicklun

 


RISIKOAUSGLEICH
Der Risikoausgleich verhindert einen reinen Wettbewerb um gute Risiken

Ein weiterer Mechanismus ist für diese Diskussion zentral: der gesetzliche Risikoausgleich.
Versicherer mit einer ungünstigeren Risikostruktur erhalten Ausgleichszahlungen, während Versicherer mit einer günstigeren Risikostruktur Beiträge leisten. Berücksichtigt werden unter anderem Alter, Geschlecht, frühere Spital- oder Pflegeheimaufenthalte sowie pharmazeutische Kostengruppen.
Damit soll verhindert werden, dass sich Wettbewerb vor allem darum dreht, möglichst viele gesunde und kostengünstige Personen zu versichern.
Für die Wechseldebatte bedeutet das: Ein Versicherer soll nicht allein deshalb systematisch profitieren, weil überdurchschnittlich viele Personen mit niedrigem Kostenrisiko zu ihm wechseln.

Kostentreiber Was die Prämien tatsächlich in die Höhe treibt

Wenn nicht der Krankenkassenwechsel – was dann?
Der grundlegende Druck entsteht bei den Kosten der versicherten medizinischen Leistungen. Dazu gehören unter anderem demografische Veränderungen, neue Behandlungsmöglichkeiten, eine steigende Nachfrage nach Gesundheitsleistungen sowie Tarifentwicklungen im ambulanten und stationären Bereich.

Die aktuelle BAG-Statistik macht die Grössenordnung sichtbar:
2025 beliefen sich die OKP-Bruttoleistungen auf rund 44,8 Milliarden Franken – rund 6,1 Prozent mehr als 2024.

Besonders grosse Kostenblöcke waren:

  • ambulante Arztbehandlungen: rund 10,1 Mrd. CHF
  • stationäre Spitalbehandlungen: rund 8,1 Mrd. CHF
  • ambulante Spitalbehandlungen: rund 7,9 Mrd. CHF

Allein diese drei Bereiche machten zusammen rund 58 Prozent der gesamten OKP-Bruttoleistungen aus.

Interessant ist aber auch: Die grössten Kostenblöcke sind nicht automatisch diejenigen, die am schnellsten wachsen. Spitex-Leistungen nahmen 2025 beispielsweise um rund 14,5 Prozent zu, andere ambulante Leistungen um rund 13,2 Prozent – deutlich stärker als die gesamten OKP-Bruttoleistungen.

Aus diesen Wachstumszahlen allein lässt sich allerdings nicht ableiten, weshalb ein Bereich stärker wächst. Faktoren wie die demografische Alterung oder die politisch und medizinisch geförderte Verlagerung geeigneter Behandlungen vom stationären in den ambulanten Bereich müssen separat untersucht werden.

Was hat das mit einem Kassenwechsel zu tun?

Ein Versichererwechsel verändert zunächst, bei welchem Versicherer die Prämie bezahlt und eine versicherte Leistung abgerechnet wird.
Er erzeugt jedoch nicht die zugrunde liegende medizinische Leistung – also beispielsweise einen Arztbesuch, ein Medikament, eine Therapie oder einen Spitalaufenthalt.


Der Puffer schmilzt

Solvenzquote der Krankenkassen-Branche – Eigenkapital im Verhältnis zu den regulatorischen Mindestreserven

0% 50% 100% 150% 200% 207 % 2021 121 % Anfang 2024 Kritische Marke: 100 %

Einzelne Versicherer rutschten in diesem Zeitraum unter die kritische 100-Prozent-Marke. Quelle: Deloitte Krankenversicherungsstudie.

Die Solvenzquote zeigt, wie viel Eigenkapital eine Kasse im Verhältnis zu den regulatorisch geforderten Mindestreserven hält. Ein hoher Wert verschafft Spielraum, Prämien durch den gezielten Abbau von Reserven zu dämpfen – ein Mittel, das viele Kassen in Jahren mit tieferen Gesundheitskosten genutzt haben. Zwischen 2021 und Anfang 2024 ist dieser Puffer branchenweit von 207 auf 121 Prozent geschmolzen, bei einzelnen Versicherern sogar unter die kritische Marke von 100 Prozent. Damit fällt einer der wenigen Hebel, mit denen sich Prämienerhöhungen kurzfristig abfedern lassen, zunehmend weg – unabhängig davon, wie viele Versicherte ihre Kasse wechseln.

Kostenstruktur Wohin die Prämie tatsächlich fliesst

Ein Blick auf die Kostenstruktur widerlegt auch ein verwandtes Argument: dass mehr Kassenwechsel automatisch mehr Verwaltungsaufwand und damit höhere Prämien bedeuten. Tatsächlich machen die Verwaltungskosten branchenweit nur rund fünf Prozent der Prämieneinnahmen aus.

Nur ein kleiner Teil ist Verwaltung

Anteil der Prämieneinnahmen nach Verwendungszweck

95%
4.6%
Gesundheitsleistungen – Arztbesuche, Spital, Medikamente, Therapien, Rückstellungen... Verwaltung

Selbst administrative Zusatzkosten durch Kassenwechsel – neue Policen, Datenmigration – bewegen sich innerhalb dieser ohnehin kleinen Kostenposition. Quelle: Deloitte Krankenversicherungsstudie.

Der weitaus grösste Teil jedes Prämienfrankens fliesst direkt in effektive Gesundheitsleistungen. Das erklärt auch, warum die grossen Prämiensprünge der letzten Jahre nicht mit administrativem Mehraufwand durch Wechsel begründet werden können: Dafür ist die Kostenposition schlicht zu klein.

APROPOSPrämien steigen langfristig deutlich stärker als Löhne

Die Entwicklung seit 1996 erklärt auch, weshalb die Prämienbelastung von vielen Haushalten besonders stark wahrgenommen wird.
Seit 1996 haben sich die mittleren OKP-Prämien pro versicherte Person nahezu verdreifacht. Die Nominallöhne stiegen im gleichen Zeitraum dagegen nur um rund ein Drittel.
Auch beim Jahresvergleich ist eine wichtige Unterscheidung nötig: Der bei der Prämienbekanntgabe kommunizierte Anstieg für 2024 betrug 8,7 Prozent. Die später ausgewiesene effektive Entwicklung der mittleren Prämie kann davon abweichen, weil sich unter anderem Versicherungsmodelle, Franchisen und Versichertenbestände verändern.
Prämien und Löhne sind zwar nicht direkt miteinander gekoppelt. Die unterschiedliche Entwicklung zeigt aber, weshalb Krankenkassenprämien für Haushalte finanziell immer stärker ins Gewicht fallen können.

Fazit Was das für dich bedeutet

Im Kern heisst das: Ein Wechsel der Grundversicherung ist nicht Teil des Problems, sondern eines der wenigen Werkzeuge, mit denen der Wettbewerb zwischen den Kassen überhaupt funktioniert. Die eigentlichen Preistreiber – alternde Bevölkerung, medizinischer Fortschritt, schrumpfende Reserven – liegen ausserhalb der eigenen Kontrolle. Die Wahl der passenden Kasse, des passenden Modells und der passenden Franchise dagegen nicht – und genau dort liegt für dich persönlich das grösste Sparpotenzial, unabhängig davon, was auf Systemebene mit den Gesundheitskosten passiert.

Die Kündigungsfrist für die Grundversicherung endet jeweils am 30. November. Ein realistischer Blick auf die eigene Police braucht dafür keinen ganzen Nachmittag – und Tools wie SnapCheck verkürzen genau diesen Blick auf wenige Minuten.

 

Quellen

  1. BAG: Statistik der obligatorischen Krankenversicherung 2025 (KVSTAT)
  2. BAG: Prämien 2026 – durchschnittlicher Anstieg der mittleren Prämie um 4,4 Prozent
  3. BAG: Bilanzen und Betriebsrechnungen der Krankenversicherer 2025
  4. BAG: Auswertungen Verwaltungskosten 2025
  5. BAG: Risikoausgleich in der obligatorischen Krankenpflegeversicherung
  6. BAG: KVG-Solvenztest / Solvenz der Krankenversicherer
  7. BAG: Krankenversicherungsprämien-Index und Vergleich von Prämien, Kosten und Löhnen
  8. Deloitte: Krankenversicherungsstudien zur Wechselbereitschaft
  9. Priminfo/BAG: Wechsel der Grundversicherung und Kündigungsfristen